Unheimliche Netzwerke
Ein feministischer Blick auf Antisemitismus
In einer streng patriarchalen Gesellschaft, die Frauen echte Selbstbestimmung verweigert, zeigt sich oft auch eine Neigung zum Antisemitismus. Nicht universell, nicht überall; dort, wo Juden traditionell kein Thema sind, kann es anders sein. Doch es ist kein Zufall, dass sich sowohl im Nationalsozialismus als auch in streng islamischen patriarchalen Ländern antisemitische Tendenzen ausbilden konnten, so stark, dass sie die Vernichtung der Juden implizierten. Eine mögliche Erklärung für die Anfälligkeit in patriarchalen Gesellschaften könnte folgende sein:
Hegemoniale Männlichkeit ist durch einen widersprüchlichen Umgang mit “Schwäche” gekennzeichnet. Solange sich etwa Frauen, der patriarchalen Logik unterordnen, wird ihre als schwach definierte Andersartigkeit eingegliedert. Wird diese Gruppe jedoch als beherrschbar aufgegeben, wird sie zum Problem. Unabhängige Weiblichkeit, die sich nicht ins hierarchische System einfügt, bedroht das patriarchale Gefüge. Frauen wurden nicht zuletzt deshalb als Hexen verfolgt, weil sie außerhalb männlicher Reichweite standen und ihre Verbindungen in Solidarität mit anderen Frauen funktionierten. Totalitäre, patriarchale Gesellschaften basieren auf einer klaren Ordnung. Bünde jenseits davon zeigen: es gibt Grenzen der Verfügbarkeit.
Geheime Herrscher
Weibliche Gemeinschaften funktionieren oft grundlegend anders. Nicht aufgrund vermeintlicher „weiblicher Eigenschaften“, sondern weil deren Funktionsweise es so verlangt. Sie basieren auf Solidarität ohne klare Hierarchie. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit verbanden Engelmacherinnen und Heilerinnen sich über Netzwerke, gemeinsame Praxis, religiöse Rituale und lokale Bindungen. Diese von Frauen organisierten Netzwerke, die beispielsweise Abtreibungen vermittelten, mussten im Geheimen stattfinden. Daher gingen die Unterstützungsstrukturen über mehrere Ecken, die für Männer nicht einsehbar waren. Verschwörungstheorien sind dann nicht fern. Denn aus einer erfolgreichen Eigenständigkeit, die der lange patriarchale Arm nicht erreicht, erwächst schnell der Eindruck, dass dies nicht mit rechten Dingen zugehen könne. Und damit die Angst vor einem übermächtigen, jenseits der Kontrolle operierenden Kraft, mit welcher sich die Schwäche zum geheimen Herrscher aufschwingt. Bis heute wird feministischen Gruppen eine Verbindung zu einer bösartigen Macht unterstellt. TERF (Frauen, die den Begriff „Frau“ anhand biologischer Realität definiert haben wollen) etwa, die als Teil einer weltweiten rechten Verschwörung getrachtet werden.
Im Nationalsozialismus wurde “der Jude” mit Verweichlichung, Weiblichkeit und Schwäche assoziiert. Der antisemitische Schriftsteller Otto Weiniger schrieb 1917 in „Geschlecht und Charakter“, das Judentum sei von Weiblichkeit durchdrungen – als Gegenkraft zum Männlichen. Dass “der Jude” diesen Eindruck von negativ beurteilter Weiblichkeit hat, liegt in der Besonderheit seiner Kultur. Obwohl an den herrschenden Geist angepasst, ist er Teil einer Kultur, die das Leben in des Einzelnen in den Mittelpunkt rückt. Männerzentrierte Gesellschaften (dazu zähle ich in diesem Essay die islamistische und nationalsozialistische Gesellschaft) haben etwas Finsteres. Sie stellen die Idee stets über den einzelnen Menschen. Doch der jüdische Gemeinschaftsgedanke, aus der speziellen Situation erwachsen, widersteht dieser Kraft, was ihn in den Augen der faschistischen Ideologen als “weiblich” dastehen lässt.
Jüdische Verbindung
Die Vernetzung jüdischer Gemeinden in der Diaspora ist besonders. Sie entwickelte sich über Handelsnetzwerke, religiöse und kulturelle Verbindungen und wurde durch Glauben und die gemeinsame Geschichte der Vertreibung getragen. Diese Gemeinschaften waren durch Händler, Wanderer und die Verbreitung heiliger Schriften verbunden und bildeten ein weit verzweigtes, identitätsstiftendes Netz, das sich trotz unterschiedlicher kultureller Einflüsse über den gesamten Globus erstreckte. In der Diaspora entstand eine lange Tradition gegenseitiger, informeller Unterstützung, etwa bei der Aufnahme und Pflege kranker Flüchtlinge. Bildung war und ist enorm wichtig, religiöses Wissen wurde über das globale Netzwerk weitergegeben.
Der “schwache Jude” ist Teil eines Netzwerkes, das trotz dieser vom totalitären Geist diagnostizierten Schwäche enormen Einfluss gewonnen hat. In ihrer Komplexität nicht fassbar, werden Netzwerke, die sich nicht totkriegen lassen, zur Projektionsfläche für alles, was gesellschaftlich aus dem Ruder läuft: Armut, Krankheit. Die Hexe ist schuld. Oder eben „der Jude“. Plötzlich wird der als fremd empfundenen, nach den Regeln der Kooperation und Solidarität funktionierenden Gemeinschaft nicht nur eine zersetzende, übergreifende Macht zugesprochen, sondern auch tiefste Bösartigkeit. Eine Gefahr für die Gesellschaft. Der Keim eines vernichtenden, sich ausdehnenden Bösen. Inzwischen überbieten sich die Israel-Hasser mit Verschwörungstheorien, die Israel dämonisieren und delegitimieren. Sogar die Entnahme von Organen palästinensischer Gefangener wird Israel von Anti-Zionisten zur Last gelegt – eine verschwörungstheoretische Dynamik, die an die antisemitischen Vorurteile der 1930er Jahre erinnert.
Von der Heilerin und Hebamme zur Kindermörderin war es nie weit. Frauen wurden “weiche”, zerstörerische Methoden der Macht unterstellt, Kindermord und Giftmord gelten als Form der Aggression, die keine körperliche Stärke erfordern und im Verborgenen stattfinden. In den historischen Hexenverfolgungen, die hauptsächlich in der Frühen Neuzeit stattfanden, waren Anschuldigungen des Kindesmords oder der Schädigung von Kindern ein zentraler und häufiger Vorwurf. Die antisemitischen Legenden vom Juden als Brunnenvergifter und Kindermörder haben mehrere historische Gründe, erklären sich aber eben auch aus oben genannter Dynamik.
Israel und Dämonisierung
Man könnte meinen, dass mit der Gründung eines jüdischen Staates, einer Heimstätte für Juden also, die Dämonisierungstendenzen abnehmen würden. Schließlich verfügte das undurchschaubare informelle Netzwerk nun über ein solides Zentrum in Form eines demokratischen und damit transparenten Staates. Doch dem war nicht so. Der Staat Israel war von Beginn an der Normalität enthoben. War zuvor die Struktur der Vernetzung jüdischer Menschen weltweit die Grundlage für Verschwörungstheorien, so wurde spätestens ab 1967 der Staat Israel verdammt. Er galt als Machtzentrum, von dem aus alles Böse die Welt zu verschlingen suche. Arabische Muslime bekämpften von Anfang an die jüdischen Einwanderer. Die patriarchalischen, ethnonationalistischen Muslimbrüder betrachteten es als Demütigung, dass auf ehemals islamisiertem Land nun ein nicht-islamisches Staatswesen bestand, das aus ihrer Sicht schwach ist, aber trotz aller Angriffe erfolgreich bestand.
Dabei war und ist die jüdische Religion vom Grundsatz her nicht angelegt, zu missionieren und zu expandieren. Die Religion wollte anderen nichts überstülpen. Im Gegensatz zum Christentum und Islam wird die Zugehörigkeit nicht als Voraussetzung für Heil oder Erlösung gesehen. Nichtjuden können aus jüdischer Sicht auch ohne Konversion ein gottgefälliges Leben führen, indem sie sich an die sieben noachidischen Gebote halten.
Doch vielleicht ist ja genau dieses Fehlen einer von Grund auf expansiven Absicht, das dem jüdischen Staat von den patriarchal strukturierten, islamistischen Palästinensern als Schwäche ausgelegt wird. Als „weibisch“ sozusagen. Israel hätte die militärische Macht, sich „Palästina“ einzuverleiben, tut es aber nicht. Bei umgekehrter Machtverteilung wäre Israel längst dem Erdboden gleich, so viel steht fest. Dennoch wird Israel unabhängig von der gerade aktuellen Regierungspolitik als expansiver, kolonialer “Apartheidstaat” dämonisiert. Denn dieser Staat weicht eben auch nicht. Es könnte deshalb tatsächlich sein, dass er mit seiner bloßen Existenz provoziert, eben weil dieser “Schwächling” nicht beherrschbar und nicht zu vernichten ist.

